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Warum Netzanschluss der kritischste Faktor bei der RZ-Standortwahl ist

  • 7. Apr.
  • 4 Min. Lesezeit

Ohne gesicherte Netzkapazität gibt es kein Rechenzentrum — warum die Stromfrage zuerst gestellt werden muss


Die Entwicklung eines Rechenzentrumstandorts beginnt nicht mit dem Grundbuchauszug und nicht mit dem Bebauungsplan. Sie beginnt mit einer einzigen Frage: Wie viel Leistung kann der Netzbetreiber am geplanten Anschlusspunkt bereitstellen, zu welchen Kosten und in welchem Zeitrahmen?


Wer diese Frage zu spät stellt, riskiert Millionen. Grundstücke werden gesichert, Gutachten beauftragt, Planungsbüros engagiert, und dann stellt sich heraus, dass der nächste verfügbare Netzanschlusspunkt mit ausreichender Kapazität fünf Kilometer entfernt liegt. Oder dass die Wartezeit auf einen Transformator 36 Monate beträgt. Oder dass die Netzanschlusskosten das gesamte Investitionsbudget sprengen.


Das ist keine Theorie. Das ist die Realität auf dem deutschen DC-Entwicklungsmarkt heute.


Warum Rechenzentren Sonderfälle in der Energieversorgung sind

Ein Rechenzentrum ist kein gewöhnlicher Gewerbebau. Es ist ein Hochleistungs-Energieverbraucher, der rund um die Uhr, 365 Tage im Jahr, ohne Unterbrechung mit elektrischer Leistung versorgt werden muss. Ausfälle werden in Millisekunden gemessen, und ihre Kosten in Millionen.


Je nach Größe und Ausbaustufe benötigt ein Rechenzentrum zwischen 1 MW und mehreren hundert MW elektrischer Leistung. Ein mittelgroßes Colocation-Rechenzentrum mit 10 MW IT-Last entspricht damit dem Stromverbrauch von etwa 8.000 bis 10.000 Haushalten. Ein Hyperscaler-Campus mit 100 MW oder mehr entspricht der Größenordnung einer Kleinstadt.


Diese Dimensionen machen den Netzanschluss zu einer kritischen Infrastrukturaufgabe, nicht zu einer Formalität. Die zuständigen Netzbetreiber müssen prüfen, ob die vorhandene Netzinfrastruktur die geforderte Leistung überhaupt bereitstellen kann, ohne andere Verbraucher zu beeinträchtigen. Und wenn nicht, wer die erforderlichen Verstärkungsmaßnahmen finanziert und in welchem Zeitraum sie realisiert werden können.


Die drei Ebenen des Netzanschlusses

Der Netzanschluss eines Rechenzentrums ist keine einfache technische Aufgabe — er hat drei Ebenen, die alle gleichzeitig bewertet werden müssen:


Ebene 1: Verfügbare Kapazität

Die erste und wichtigste Frage ist: Wie viel elektrische Leistung kann am geplanten Netzanschlusspunkt tatsächlich abgerufen werden? Das hängt von der vorhandenen Transformatorenkapazität, der Kapazität der Umspannwerke und der Belastung des umliegenden Netzes ab.


In deutschen Ballungsräumen, wie Frankfurt, München, Hamburg oder Berlin, sind die Netzkapazitäten in vielen Bereichen bereits ausgeschöpft. Neue Großanschlüsse sind nur mit erheblichen Investitionen in die Netzinfrastruktur möglich. Die Wartezeiten für neue Umspannwerkskapazitäten können mehrere Jahre betragen. Das ist einer der Hauptgründe, warum die DC-Entwicklung zunehmend in Sekundärstandorte außerhalb der großen Metropolen ausweicht.


In ländlichen Regionen sieht die Situation oft anders aus: Hier gibt es teils erhebliche Netzreserven, weil industrielle Großverbraucher weggefallen sind oder die Netzinfrastruktur für frühere industrielle Nutzungen ausgebaut wurde. Diese Reserven sind ein erheblicher Standortvorteil, aber nur, wenn die übrigen Standortfaktoren stimmen.


Ebene 2: Spannungsebene und Anschlusskosten

Rechenzentren ab einer bestimmten Größe werden nicht mehr aus dem Niederspannungsnetz oder Mittelspannungsnetz versorgt, sondern direkt aus dem Hochspannungsnetz. In Deutschland ist das typischerweise die 110-kV-Ebene, bei sehr großen Projekten auch auf der 380-kV-Ebene.


Die Kosten für einen solchen Hochspannungsanschluss sind erheblich. Ein 110-kV-Kabel schlägt mit 1,5 bis 3,5 Millionen Euro pro Kilometer zu Buche, abhängig von Verlegetiefe, Trassenführung und lokalen Gegebenheiten. Hinzu kommen die Kosten für das Kundenübergabewerk, also die eigene Umspannanlage auf dem Grundstück, die je nach Ausführung weitere 2 bis 5 Millionen Euro kosten kann.


Diese Kosten müssen von Beginn an in die Wirtschaftlichkeitsberechnung einfließen. Wer sie erst in der Detailplanung entdeckt, hat ein ernstes Problem.


Ebene 3: Zeitplan und Versorgungssicherheit

Selbst wenn die Kapazität verfügbar und die Kosten akzeptabel sind, bleibt die Frage des Zeitplans. Transformatoren für Großanschlüsse sind weltweit knappe Güter. Lieferzeiten von 24 bis 48 Monaten sind keine Ausnahme, sondern die Regel. Genehmigungsverfahren für neue Leitungstrassen können weitere Monate oder Jahre in Anspruch nehmen.


Für DC-Entwickler bedeutet das: Der Netzanschluss ist oft der zeitkritischste Pfad im gesamten Projekt. Wer ihn zu spät angeht, verzögert das gesamte Vorhaben. Unabhängig davon, wie schnell Baugenehmigung und Bauausführung voranschreiten.


Neben dem Zeitplan spielt die Versorgungssicherheit eine zentrale Rolle. Professionelle Rechenzentren sind auf Redundanz ausgelegt. Das heißt, mindestens zwei unabhängige Netzanschlüsse aus unterschiedlichen Umspannwerken oder zumindest unterschiedlichen Trafos sind notwendig. Diese Redundanzanforderung verdoppelt im Zweifel den Aufwand für den Netzanschluss sowohl technisch als auch kostenseitig.


Erneuerbare Energien als wachsender Standortfaktor

Die Frage der Energieversorgung hat in den letzten Jahren eine neue Dimension bekommen: Nachhaltigkeit. Hyperscaler wie Microsoft, Google und Amazon haben öffentliche Verpflichtungen zu 100 % erneuerbarer Energie abgegeben. Aber auch institutionelle Investoren und Colocation-Kunden stellen zunehmend Anforderungen an den CO₂-Fußabdruck der genutzten Rechenzentrumsinfrastruktur.


Ein Standort, der die direkte Integration von Solar- oder Windenergie ermöglicht, z.B. durch eigene Erzeugungsanlagen auf dem Grundstück oder durch die Nähe zu erneuerbaren Erzeugungskapazitäten im Netz, hat einen klaren Wettbewerbsvorteil. Dieser Vorteil ist heute noch ein Differenzierungsmerkmal. In wenigen Jahren wird er zur Mindestanforderung werden.


Was das für die Standortbewertung bedeutet

Eine seriöse Standortbewertung für ein Rechenzentrum stellt die Netzanschlussfrage nicht irgendwann. Sie stellt sie zuerst. Konkret bedeutet das:


Frühzeitige Kontaktaufnahme mit dem zuständigen Netzbetreiber, um die verfügbare Kapazität am geplanten Anschlusspunkt zu klären. In Deutschland sind das je nach Region die großen Übertragungsnetzbetreiber (TenneT, Amprion, 50Hertz, TransnetBW) für die Hochspannungsebene sowie die regionalen Verteilnetzbetreiber für die mittleren Spannungsebenen.


Parallel dazu müssen die Anschlusskosten vorläufig kalkuliert und in die Wirtschaftlichkeitsrechnung integriert werden. Nicht als Pauschale, sondern auf Basis der tatsächlichen Trassenlänge und der erforderlichen Spannungsebene.


Schließlich muss der Zeitplan für den Netzanschluss in die Gesamtprojektplanung integriert werden. Wenn der Netzanschluss 36 Monate dauert, nützt die schnellste Baugenehmigung nichts.


Fazit

Der Netzanschluss ist kein technisches Detail. Er ist die Grundvoraussetzung für jedes Rechenzentrum. Wer ihn nicht als erstes bewertet, baut auf Sand. Die Fragen nach verfügbarer Kapazität, Anschlusskosten, Spannungsebene, Zeitplan und Redundanz müssen in der allerersten Phase der Standortbewertung beantwortet sein, und zwar bevor Grundstücke gesichert, Gutachten beauftragt oder Investitionsentscheidungen getroffen werden.


Ein Standort mit gesichertem Hochspannungsanschluss und kurzen Realisierungszeiten ist heute mehr wert als ein Standort mit perfekter Lage aber ungeklärter Energieversorgung. Auf dem deutschen DC-Markt, wo Netzkapazität zum knappen Gut geworden ist, kann dieser Unterschied über Erfolg oder Scheitern eines Projekts entscheiden.

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